Ein Text von Rene Fix:

Stellen wir uns die essentielle Frage nach der Absicht unseres Wirkens in unseren Shiatsupraxen, dann sollten wir der Frage nachgehen, woran der Mensch, der zu uns kommt (oder kommen soll) leidet. Die Antwort, die wir auf diese Frage finden ist wiederum grundlegend für unsere Ausrichtung. Und es hängt maßgeblich davon ab, wie wir, als Anbieter - sei es Shiatsu oder auch etwas anderes - dieses Leiden sehen bzw. wo wir es verorten.

Sehen wir das Symptom als Ursache, dann scheint es sinnvoll zu sein, sich der Auflösung des Symptoms zu widmen. Es kommt also ein Mensch mit einer LWS-Blockade und ich wende meine wundervollen Deblockiertechniken an, um der Blockade einen Weg in die Freiheit anzubieten. Yuhuu. Alle sind glücklich. Der Rücken fühlt sich gut an. Das Geld fließt.

Sehen wir als Ursache für das Leiden das innere Erleben des Menschen, dann sollten wir hier ansetzen. Also der Mensch kommt mit seiner Blockade. Er fühlt sich unfrei und in der Beweglichkeit gehemmt. Er fühlt Schmerz. Er weiß, dass es vor dem Auftreten der Blockade anders war und er will dahin zurück. Er leidet darunter, dass sich sein körperlicher Zustand verschlechtert hat. Jetzt könnte ich meine wundervollen Deblockiertechniken anwenden und alles wäre wieder gut. Doch wäre ich dann nicht dem ganzen Menschen in seinem Leiden begegnet. Setze ich hingegen an dem Unfrieden an, der entstanden ist durch die Erfahrung mit der Blockade, bin ich näher an der Wahrheit dieses Menschen. Der hier auftretende Widerstand ist persönlich. Die Art und Weiße, mit Schmerz und Begrenzung umzugehen ist individuell. Die Ängste, die sich jetzt zeigen, kommen aus der eigenen Prägung. Bin ich mit all dem im Kontakt, dann entsteht eine Brücke von dem Symptom zur Urasche des Symptoms. Und da wird es spannend. Denn was hilft es, das Symptom zu beseitigen, wenn die unberührte Ursache dieses Symptom kurz darauf erneut entstehen lässt. Das innere Erleben des Leidens bietet uns Zugang zur Ursache, denn jeder Mensch ist an seine Wahrheit angebunden. Und jeder Mensch, letztlich jeder Organismus sucht Homöostase, also das Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen.                   Es gibt Lebensereignisse, die uns aus dem Gleichgewicht bewegen und Kräfte im Körpergeist, die uns wieder ins Gleichgewicht zurückbringen. Das läuft kontinuierlich ab, im Kleinen, wie auch im Großen.

Wie mache ich das nun im Shiatsu? Zuerst komme ich zurück zu der Frage nach meiner Sichtweise. Wo sehe ich das Leiden? Was ist diesbezüglich meine persönliche Überzeugung? Und dann: Wie kann ich mich dem inneren Erleben meiner Klientin hinwenden? Ich sehe/höre/empfinde das Symptom und weite meine Wahrnehmung. Ich lasse mich ein auf die tieferliegende Bewegung, die sich mit zeigt. Ich nehme teil an dem Leben dieses Menschen. Ich öffne mich der Wahrheit, dass das Leiden vielschichtig und persönlich ist. Ich weiß, dass diese Frau ein inneres Erleben hat, welches auf ihrer individuellen Prägung basiert. Ich bezeuge, was sich zeigt. Ich beobachte das große Ganze. Ich defokussiere und bin total präsent. Ganz konzentriert. Ganz jetzt. Ganz verbunden. Ich lasse mich führen. Im Moment. Ich lasse los. Vielleicht geht das Symptom weg. Vielleicht bleibt es. Darauf kommt es nicht an. Es ist nicht unser Job, das Symptom zu beseitigen. Wir sind Brückenbauer. Wir sind Einlader - Inspiratoren. Wir sind Verbinder und Verführer. Wir bieten Erfahrungen, die das innere Erleben der Klienten verändern können. Erfahrungen, die tief anbinden an die eigene Wahrheit. Erfahrungen, die ins Leben führen.